ALOTA 2016 – Diskussionsstoff im Nachgang

Kurz vor Ende des Wintersemesters und inzwischen schon einige Monate nach dem Ende der Alternativen Orientierungstage in Jena melden wir uns noch einmal zurück. Im Nachgang der ALOTA gab es nämlich einigen Diskussionsstoff, den wir euch nicht vorenthalten wollen. Worum es dabei ging, wie wir als Vorbereitungsgruppe damit umgegangen sind, was uns an der ganzen Sache nicht so gut geschmeckt hat und was wir für die Zukunft daraus ziehen, möchten wir hier deshalb kurz erläutern.

Was ist passiert?
Anfang November erreicht uns als Vorbereitungsgruppe ein offener Brief, in dem der Workshop „Antisemitismus erkennen, eingrenzen, kritisieren“ massiv kritisiert wird. Den Referent*innen wurden darin u.a. die Verharmlosung bestimmter Formen von Antisemitismus und insbesondere das Ausklammern der Existenz eines spezifisch linken Antisemitismus vorgeworfen. Unterschrieben von drei politischen Gruppen aus der Stadt, wurden wir als Veranstalter*innen der ALOTA zudem dazu aufgefordert, Stellung zu den im Brief ausgeführten Anschuldigungen zu beziehen.

Wie sind wir damit umgegangen?
Wir verurteilen jede Form von Antisemitismus und halten Aufklärung darüber für notwendig. Auch in der Ankündigung des Workshops war dieser aufklärerische Anspruch formuliert, was in dem offenen Brief jedoch entschieden als nicht eingelöstes Versprechen zurückgewiesen wurde. Da aus unserem ALOTA-Vorbereitungskreis nun außer einer*m der kritisierten Referent*innen niemand selbst bei der Veranstaltung anwesend war, schien es uns am sinnvollsten, zunächst mal die Referent*innen selbst zu kontaktieren, sodass sie sich zu den Vorwürfen äußern können. So kam es also zu einem „klärenden“ Gespräch bzw. Diskussionstreffen. Die Referent*innengruppe wies darin die Vorwürfe entschieden zurück und fühlte sich mehr als nur missverstanden. Ihre inhaltliche Darstellung der im Workshop zur Diskussion gestellten Positionen zu Antisemitismus stand schließlich jener im Brief als kritikwürdig und inakzeptabel dargestellten Sichtweise diametral gegenüber. Irritiert von den offenbar massiv auseinander driftenden Wahrnehmungen des Workshopablaufs und -inhalts, entschieden wir uns dazu, auch ihnen die Möglichkeit zu geben, sich öffentlich zu den Vorwürfen zu äußern. Hiermit möchten wir euch nun beide Sichtweisen zugänglich machen:
Den an uns adressierten offenen Brief von CC (Club Communism), JURI – Linke Gruppe und der JAPS (Jugend- Aktions- und Projektwerkstatt) könnt ihr hier nachlesen:
Offener Brief CC, JURI, JAPS

Die Antwort der Workshop-Referent*innen findet ihr hier:
Antwort der Referent*innen

Was hat uns nicht so gut geschmeckt?
Kritik und Selbstkritik sind unserer Meinung nach unverzichtbarer Bestandteil einer Bewegung (oder besser Szene), die sich das Streben nach einer besseren, herrschaftsfreien Gesellschaft auf die Fahnen geschrieben hat. „Kritik ist die Liebe unter den Genoss*innen“, hat irgendwann mal jemand Kluges gesagt und das sehen wir eigentlich auch so. Dass Diskussionen aus den ALOTA-Workshops nach dem Event weitergeführt werden, war zudem immer unser Wunsch und dass eine Auseinandersetzung mit Antisemitismus ein Teil linker und linksradikaler Praxis sein sollte, steht für uns außer Frage. Aber was stört uns dann?

Es sind im Wesentlichen zwei Gefühle, die bei uns nun im Nachklang der Diskussionen über Brief und Workshop überwiegen: Irritation und Frustration. Wir sind irritiert, weil wir nicht verstehen, warum die Verfasser*innen des Briefes, wie sie schreiben, zwar das Gespräch über Antisemitismus suchen, jedoch offenbar nicht mit der Referent*innengruppe, welche aus selbigem Grund zu dem Workshop eingeladen hatte. Stattdessen sehen wir uns als Veranstalter*innen mit der Pistole auf der Brust dazu aufgefordert, zu etwas Stellung zu beziehen, was wir aufgrund unserer Abwesenheit nur schwer beurteilen können. Frustriert sind wir darüber hinaus, weil wir mit den ALOTA jedes Jahr Freund*innen und Genoss*innen aus der Stadt dazu einladen, Standpunkte und Projekte vorzustellen und zu diskutieren, und jedes Jahr am Ende das Gefühl haben, dass dieses Angebot von einem Teil der Szene einfach nicht wahrgenommen wird. Sich in dieses Gefühl einfügend erscheint uns die per se nicht zu verurteilende Kommunikationsform des offenen Briefes nun repräsentativ für das Selbstverständnis einiger politischer Akteure, die ihre Rolle scheinbar nicht darin sehen, Kritik im Handgemenge zu üben (z.B. als Teilnehmende, Mitveranstalter*innen, Referent*innen der ALOTA), sondern in Form von Seitenlinienkommentaren mit erhobenem Zeigefinger. Das ist – etwas zugespitzt formuliert, leider das, was bei uns ankommt und was wir hiermit einmal transparent machen wollen.

Was ziehen wir daraus für die Zukunft?
Angestoßen durch die Diskussionen der letzten Wochen werden die Vorbereitungen der kommenden ALOTA voraussichtlich mit einer Klärung unserer Rolle als Veranstalter*innen beginnen.

Wie hat der ALOTA-Vorbereitungskreis bisher gearbeitet? Die Veranstaltungen der ALOTA sollen in ihrer Gesamtheit einen großzügigen Einblick in die Jenaer Politlandschaft ermöglichen. Daher laden wir seit drei Jahren ab Mai alle interessierten Menschen ein, sich am Inhalt der ALOTA zu beteiligen. Die Aufnahme in das Programm erfolgt dabei u.a. anhand der Themenrelevanz, dem Veranstaltungsformat, dem Angebot an anderen Vorschlägen und basiert zu einem guten Teil auf Vertrauen gegenüber den Referent*innen. Eine Praxis, die sich bisher sehr bewährt hat. Der ALOTA-Vorbereitungskreis sah sich dabei zu keinem Zeitpunkt als Zensurinstanz, jedoch in der Verantwortung, Veranstaltungsinhalte solidarisch kritisierbar zu machen. Dies versuchen wir zum einen nach innen hin über einen leichten Einstieg in die Beteiligung an der Orga zu erreichen und zum anderen während der ALOTA und nach außen durch ein hohes Maß an Ansprechbarkeit, Nähe zwischen Referent*innen, Publikum und Orga-Crew (bspw. durch das Couchcafé) und den Aufruf zur steten Beteiligung an den Veranstaltungen.

Folgende Fragen stellen sich uns: Sind wir für alles, was während der ALOTA gesagt wird, „verantwortlich“? Können wir bei über 50 Veranstaltungen immer genau wissen, welche inhaltliche Ausrichtung die Workshops und Vorträge haben? Ist die ALOTA nicht eher ein Raum für kritischen Austausch, für Erfahrungsweitergabe und gegenseitiges Kennenlernen, den wir jedes Jahr versuchen zu erzeugen? Brauchen wir ein konkreteres, inhaltliches Selbstverständnis und in Stein gemeißelte Grundsätze jenseits von „linken Standards“, aus denen wir dann das Programm ableiten? Braucht es mehr kontrolliertes Vertrauen bei den Veranstaltungen und deren Inhalt durch die Vorbereitungsgruppe?

Wir freuen uns über solidarische Kritik, noch mehr über ernsthafte Beteiligung und insgesamt auf ein wachsendes kritisches Handgemenge bei den kommenden ALOTA 4.0!